Lockerroom Talk:
"Ich mag sie zurzeit nicht und sie mich auch nicht. Kennst Du eigentlich einen guten Hundetrainer?"
"Hm. Was soll denn trainiert werden, was ist denn Dein Ziel?"
"Also weißt Du, sie soll sich einfach mehr mit mir identifizieren! Sie ist so eigen! Also sie ist voll gut erzogen, aber eben so eigen. Und ich hätte gern, dass sie sich einfach mehr mit mir identifiziert."
"Naja, ich mag Eigenheit eigentlich..."
"Ja, ich auch, ich liiiiiiieeebe sie dafür. Sie ist halt eine ganz besondere Rasse, die wurden zum Jagen gezüchtet. Und jetzt ist sie einfach immer zu wach... Da muss sie dran arbeiten! Also, dass sie eben mehr so mit uns trottet und so."
Mittwoch, 4. Januar 2017
Samstag, 17. Dezember 2016
wer teuer kauft...
Ich sitze in einer Bar und sehe ein Auto ankommen. Es steigt eine junge Frau auf Sandaletten-artigen Stilettos aus (es ist Dezember) und betritt den Raum. Sie ist offenbar mit mehreren Menschen befreundet, die nun ausgiebig begrüßt werden:
"Hey, hast Du eine neue Jacke? Sieht gut aus" bemerkt einer.
"Ja, Du ich dachte einfach: Ich will NIE WIEDER FRIEREN" sagt sie und streicht selig über das Fell des Kragens, um gleich darauf ihren mit Daunen wattierten Rumpf zu umarmen und damit die Jacke enger um ihren zarten Leib zu ziehen. Ich denke, dass gegebenenfalls gutes Schuhwerk auch einen Teil zum Abwehren sibirscher Kälte beitragen könnte und fühle mich an Scarlett O' Hara erinnert, wie sie eine gammelige Möhre zum Sonnenuntergangs-roten Himmel reckt und ruft: ICH WILL NIE WIEDER HUNGERN. Es wäre nun müßig, zu erklären, dass die 600-Euro-teure Winterjacke und das Versprechen, in einer Großstadt sowie in einem Oberklassewagen nie wieder zu frieren, auf dem Rücken (genauer der Brust) diverser Enten und Gänse sowie dem Fell eines inzwischen vermutlich toten Hundes erkauft wurde. Wichtig ist ja offenbar, dass die Investition in selbige Jacke mit scheinbar rationalen Argumenten legitimiert wird.
"Das ist aber eine edle Tasche", sage ich der Kollegin. Das Äußere ist durch die ständige Wiederholung zweier Buchstaben (L und V) gekennzeichnet und weist damit auf den Wert des Produkts hin. "Ach weißt Du, ich habe die eigentlich nur gekauft, weil sie soooo praktisch ist: sie hat zwei Henkel!" Das Gespräch setzt sich fort und ich versuche scheinheilig die Überraschung über die hohe Funktionalität der Tasche mit zwei (!) Henkeln aufrecht zu erhalten, denn ich versuche ja oft nett zu sein.
Spätestens jetzt muss offensichtlich sein, dass ich mich dem Sog der teuren Taschen nicht ganz entziehen kann, denn auch zu einer anderen Bekannten sage ich, dass sie ja eine sehr hübsche Tasche trägt: Das Modell ist auch im vierstelligen Euro-Bereich angesiedelt und schmückt die Trägerin. Gleichzeitig gibt sie deutliche Hinweise auf die soziale Schichtzugehörigkeit. "Ach" antwortet sie nachlässig "ich habe einfach festgestellt, dass ich bei Schuhen und Taschen investieren muss. Wer billig kauft, kauft schließlich zweimal." Ich rechne kurz nach, wie viele Taschen ich auch im mittleren Preissegment für eines dieser Exemplare erwerben könnte und zweifle an den kalkulatorischen Fähigkeiten meines Gegenübers.
Ich lasse mir (in einem akuten Anfall von autoagressiven Ageism) eine Creme vorführen, deren Wirkung nicht nur mit Leuchtkraft, Straffung und Aufpolsterung beschrieben wird sondern deren betörender Duft und wertiges Schälchen gleich ein grundsätzlich positives Gefühl verleiht. Und positive Gefühle lassen mich jünger wirken, das ist ja klar. Als mir der dreistellige Betrag dann doch ein etwas zu hoher Preis für dieses Tiegelchen erscheint, blinzelt mich die gut zwei Jahrzehnte jüngere Verkäuferin an: "Aber es ist ja für IHRE HAUT. Ich meine, da spart man doch lieber an der Mascara und investiert in SICH." Hm, denke ich. Meine Mascara ist nicht wirklich teuer. Das traue ich mich aber nicht zu sagen. Deshalb bedanke ich mich sehr sehr freundlich für diesen Hinweis.
Ich gehe faltig und mit billiger Mascara nach Hause und streichele die Katze. Sie schlägt vor, dass ich mir sie lebendig um den Hals legen kann. Das erscheint mir zu riskant, daher kraule ich sie nur und höre ihrem Schnurren zu. Das macht mich glücklich. Ohne Buchstaben und Henkel.
Donnerstag, 1. Dezember 2016
Gut genug ist genau das
"Die Patientin leidet an einem überhöhten Selbstanspruch und Perfektionismus" lässt mich eine Freundin in ihrem Befundbericht lesen. Sie war in einem Krankenhaus, eigentlich wegen Rückenschmerzen. Unterwegs wurde sie gleich von einer Psychologin untersucht, die genau das schrieb. Daran leidet sie also. Und sie solle sich klarmachen, das "gut" gut genug sei.
Garance Doré (Mode- und Lifestylebloggerin) schrieb kürzlich, wie ihr das Rauchen eines Joints beim Stressabbau half und sie dadurch zum coolest girl wurde. Dann hat sie noch Cannabis-Schokolade gegessen und dann habe ich nicht weitergelesen. Frau Doré, da bin ich sicher, hat einen volleren Terminplan als ich und bestimmt auch einen hohen Anspruch an ihre Leistung. Meine Freundin auch. Und alle anderen Frauen, die ich kenne, auch. Das gilt besonders für alle Wissenschaftlerinnen, die ich kenne. Wir alle haben Selbstzweifel, versuchen die perfektesten Texte abzuliefern, die beste Forschung zu betreiben. Die meisten hauen sich Nächte um die Ohren, um Deadlines zu halten. Kein einzige von ihnen ist entspannt und sagt "ach, der Text, das ist schon okay so". Wir leiden also, um die Psychologin zu referieren, wahrscheinlich alle an einem überhöhten Selbstanspruch.
Dann schreiben 'Lifestyle-Expertinnen', wie die oben genannte, man möge doch einfach einen Joint rauchen, um runterzukommen. Und um, da fängt die eigentliche Überhöhung an, auch noch "The coolest Girl [sic! - Frau Doré ist inzwischen auch 40] in the Neighbourhood" zu werden.
Alternativ steht in jedem mittelmäßigen Frauenmagazin zurzeit, wie man "stressfrei durch die Weihnachtszeit" kommt und entsprechende "easy Plätzchen" oder "Do it yourself" Geschenke bereitet oder eben, denn das gehört ja auch dazu: "Durch die Feiertage ohne Zusatzpfunde" kommt. Zusammengefasst hieße das: ich backe stressfreie Plätzchen, bastele easy Geschenke, hüpfe zwischendurch mit High Intensity durchs Wohnzimmer, gebe meine wissenschaftlichen Texte ins Review und rauche einen Joint. Oder zwei, damit ich dabei cool aussehe. "Gut ist gut genug" soll sich das "coole Mädchen" dann sagen und ihre Deadlines einhalten und dabei entspannt wirken. Und was für ihren Rücken tun (nach dem Plätzchen Backen und Basteln).
Stress ist Stress. Wissenschaft ist oft stressig. Gut ist oft nicht ausreichend. Dabei cool wirken hilft nix. MicDrop.
Garance Doré (Mode- und Lifestylebloggerin) schrieb kürzlich, wie ihr das Rauchen eines Joints beim Stressabbau half und sie dadurch zum coolest girl wurde. Dann hat sie noch Cannabis-Schokolade gegessen und dann habe ich nicht weitergelesen. Frau Doré, da bin ich sicher, hat einen volleren Terminplan als ich und bestimmt auch einen hohen Anspruch an ihre Leistung. Meine Freundin auch. Und alle anderen Frauen, die ich kenne, auch. Das gilt besonders für alle Wissenschaftlerinnen, die ich kenne. Wir alle haben Selbstzweifel, versuchen die perfektesten Texte abzuliefern, die beste Forschung zu betreiben. Die meisten hauen sich Nächte um die Ohren, um Deadlines zu halten. Kein einzige von ihnen ist entspannt und sagt "ach, der Text, das ist schon okay so". Wir leiden also, um die Psychologin zu referieren, wahrscheinlich alle an einem überhöhten Selbstanspruch.
Dann schreiben 'Lifestyle-Expertinnen', wie die oben genannte, man möge doch einfach einen Joint rauchen, um runterzukommen. Und um, da fängt die eigentliche Überhöhung an, auch noch "The coolest Girl [sic! - Frau Doré ist inzwischen auch 40] in the Neighbourhood" zu werden.
Alternativ steht in jedem mittelmäßigen Frauenmagazin zurzeit, wie man "stressfrei durch die Weihnachtszeit" kommt und entsprechende "easy Plätzchen" oder "Do it yourself" Geschenke bereitet oder eben, denn das gehört ja auch dazu: "Durch die Feiertage ohne Zusatzpfunde" kommt. Zusammengefasst hieße das: ich backe stressfreie Plätzchen, bastele easy Geschenke, hüpfe zwischendurch mit High Intensity durchs Wohnzimmer, gebe meine wissenschaftlichen Texte ins Review und rauche einen Joint. Oder zwei, damit ich dabei cool aussehe. "Gut ist gut genug" soll sich das "coole Mädchen" dann sagen und ihre Deadlines einhalten und dabei entspannt wirken. Und was für ihren Rücken tun (nach dem Plätzchen Backen und Basteln).
Stress ist Stress. Wissenschaft ist oft stressig. Gut ist oft nicht ausreichend. Dabei cool wirken hilft nix. MicDrop.
Freitag, 7. Oktober 2016
Benimm Dich!
Disclaimer 1: Dies ist kein lustiger Text.
Disclaimer 2: Es gibt eine Menge Texte und auch Podcasts, die sich besser mit dem Thema "Nationalsozialistischer Untergrund" kurz NSU auskennen. NSU Watch und dieser Podcast von Wir müsen reden mit DieWucht. Ich erhebe keine Anspruch darauf, mich näher mit dem NSU auszukennen.
Beate Zschäpe hat am 29.09.2016 erstmals selbst eine Erklärung im NSU-Prozess verlesen. Dass sie nicht sprechen kann, war schon zuvor ausgeschlossen, immerhin hat sie mit ihren Anwälten kommuniziert und wohl auch gescherzt. Diese Erklärung wurde in der Öffentlichkeit gemischt aufgenommen, keinesfalls positiv - Sie versucht, ihre Schuld zu verringern, die Erklärung sei dünn. Vor allem aber sei es keine echte Distanzierung vom Rechtsextremismus gewesen, wie Samuel Salzborn analysiert. Ihre Stimme sei leise gewesen, sie habe einen leichten thüringischen Akzent etc. etc. etc. Die Aufmerksamkeit für ihre Person widert mich einerseits an, andererseits lese ich auch. Ich will irgendwas wissen.
Ein Detail ihrer Erklärung hat mich besonders wütend gemacht: Sie beurteile nun Menschen nicht mehr nach ihrer "Herkunft" sondern nach ihrem "Benehmen". Benehmen: wer am Tisch schmatzt oder die Ellenbogen auf der Tischplatte hat, wird fortan von Beate Z. - ja was eigentlich: gerügt, ermahnt, angemeckert - oder erschossen (sollte sie auf freien Fuß kommen)?
Benehmen ist ein Wort, das auf massive soziale Ungleichheiten verweist. Die Erziehung zum guten Benehmen ist Teil einer Abgrenzung von denen ohne Benehmen, Teil des Ausdrucks von Schichtzugehörigkeit und kulturellen Regeln. Wer sich bei Tisch nicht zu benehmen weiß, wer nicht weiß, dass 'man nicht mit vollem Mund spricht' gehört nicht zum kultivierten Kreis derer, die sich zu benehmen wissen. Benimm, das geht über Tischmanieren hinaus. Nicht auf andere mit dem Finger zeigen, angezogen sein, Status kennen und widerspiegeln, Frauen die Tür aufhalten. All das gehört in eine Gesellschaft, in der jeder seinen Platz kennt und einnimmt. Ohne Protest, ohne Widerstand, ohne Aufbegehren gegen die Ein- und Ausgrenzung.
Und ja, das vermute ich: Wenn Beate Zschäpe sich eine Gesellschaft aussuchen könnte, dann würde sie das vermutlich wollen. Dass jeder an seinem Platz ist und nicht mit vollem Mund spricht. Dass alles einer Ordnung folgt, einer totalitären rechten Ordnung. In der, vermutlich nicht versehentlichen, Verwendung des Begriffs Benehmen liegt nicht nur der Hinweis auf dieses Bild sondern nicht zuletzt die Annahme, dass B. Zschäpe es sich herausnehmen könne, andere Menschen zu beurteilen.
Disclaimer 2: Es gibt eine Menge Texte und auch Podcasts, die sich besser mit dem Thema "Nationalsozialistischer Untergrund" kurz NSU auskennen. NSU Watch und dieser Podcast von Wir müsen reden mit DieWucht. Ich erhebe keine Anspruch darauf, mich näher mit dem NSU auszukennen.
Beate Zschäpe hat am 29.09.2016 erstmals selbst eine Erklärung im NSU-Prozess verlesen. Dass sie nicht sprechen kann, war schon zuvor ausgeschlossen, immerhin hat sie mit ihren Anwälten kommuniziert und wohl auch gescherzt. Diese Erklärung wurde in der Öffentlichkeit gemischt aufgenommen, keinesfalls positiv - Sie versucht, ihre Schuld zu verringern, die Erklärung sei dünn. Vor allem aber sei es keine echte Distanzierung vom Rechtsextremismus gewesen, wie Samuel Salzborn analysiert. Ihre Stimme sei leise gewesen, sie habe einen leichten thüringischen Akzent etc. etc. etc. Die Aufmerksamkeit für ihre Person widert mich einerseits an, andererseits lese ich auch. Ich will irgendwas wissen.
Ein Detail ihrer Erklärung hat mich besonders wütend gemacht: Sie beurteile nun Menschen nicht mehr nach ihrer "Herkunft" sondern nach ihrem "Benehmen". Benehmen: wer am Tisch schmatzt oder die Ellenbogen auf der Tischplatte hat, wird fortan von Beate Z. - ja was eigentlich: gerügt, ermahnt, angemeckert - oder erschossen (sollte sie auf freien Fuß kommen)?
Benehmen ist ein Wort, das auf massive soziale Ungleichheiten verweist. Die Erziehung zum guten Benehmen ist Teil einer Abgrenzung von denen ohne Benehmen, Teil des Ausdrucks von Schichtzugehörigkeit und kulturellen Regeln. Wer sich bei Tisch nicht zu benehmen weiß, wer nicht weiß, dass 'man nicht mit vollem Mund spricht' gehört nicht zum kultivierten Kreis derer, die sich zu benehmen wissen. Benimm, das geht über Tischmanieren hinaus. Nicht auf andere mit dem Finger zeigen, angezogen sein, Status kennen und widerspiegeln, Frauen die Tür aufhalten. All das gehört in eine Gesellschaft, in der jeder seinen Platz kennt und einnimmt. Ohne Protest, ohne Widerstand, ohne Aufbegehren gegen die Ein- und Ausgrenzung.
Und ja, das vermute ich: Wenn Beate Zschäpe sich eine Gesellschaft aussuchen könnte, dann würde sie das vermutlich wollen. Dass jeder an seinem Platz ist und nicht mit vollem Mund spricht. Dass alles einer Ordnung folgt, einer totalitären rechten Ordnung. In der, vermutlich nicht versehentlichen, Verwendung des Begriffs Benehmen liegt nicht nur der Hinweis auf dieses Bild sondern nicht zuletzt die Annahme, dass B. Zschäpe es sich herausnehmen könne, andere Menschen zu beurteilen.
Dienstag, 29. März 2016
Hoch auf dem gelben Wagen
"Schau mal, man kann hier auch Kutsche fahren" sage ich beim Spaziergang durch den englischen Garten zum Begleiter und füge an, dass das ja auch ganz schön posh und eher peinlich sei. Die Kutsche kreuzt unseren Weg und ich denke, dass die Menschen darin mir doch sehr bekannt vorkommen. Sehr bekannt. Nicht so schein-bekannt, weil sie in einer Daily-Soap mitspielen. Das hier ist meine eigene daily soap, denn in der Kutsche sitzt meine Schwester. Die ein gefühltes Weltall aber immerhin drei Stunden Autofahrt entfernt hinter den sieben Bergen wohnt und nun an mir vorbeikutschiert.
Das Fußvolk, also ich, bleibt stehen und winkt. Die Kutschinsassenschaft winkt huldvoll zurück, bis bei ihr der gleiche Prozess einsetzt: bekannt, nicht daily soap, eigene daily soap, meine Schwester. In ihren Augen sehe ich Alternativen vorbeirauschen: (1) Dem Kutscher Carrie-like 500 Euro zustecken und rufen, fahren Sie, fahren Sie schnell! - (2) ruhig weiterfahren und so tun, als hätte sie mich nicht erkannt - (3) anhalten und die lang verloren geglaubte Verwandte grüßen.
In meinem Kopf mengen sich auch die Alternativen: (1) umdrehen und weitergehen - (2) mauloffen stehen bleiben - (3) in die nächste Kutsche springen, dem Kutscher 500 Euro reichen (oder die 5, die ich dabei habe) und rufen: folgen Sie dieser Kutsche da!
Die Schwester entscheidet sich für Option 3, ich für 2. Sie verloren geglaubt: "Ich dachte, Du wohnst überhaupt gar nicht mehr in München und ich hätte Dich kaum erkannt!!!" Ich: mauloffen ungläubig. Nach kurzem, notdürftig höflichen Wortwechsel und dem Versprechen, sich zu melden, springt sie schnell ins Gefährt und rauscht davon. Mit ihr, ihr Gefolge. Das Fußvolk bleibt zurück und sammelt das zerbröselte Selbst aus den Linsen, die guten ins Töpfchen. Einen winzigen Moment lang will ich doch im nächsten Wagen folgen, sie vom Weg abdrängen, niederkämpfen, die Hände um den Hals und speichelspritzend brüllen, was sie denn so sehr an mir hasst.
Es ist aber wohl doch nur Gleichgültigkeit - und die tut fast noch mehr weh, als jeder Sturz in den Graben. Mit den wenigen Selbst-Bröseln in der Taschen gehe ich weiter und wische den Schmutz von der Nase.
Das Fußvolk, also ich, bleibt stehen und winkt. Die Kutschinsassenschaft winkt huldvoll zurück, bis bei ihr der gleiche Prozess einsetzt: bekannt, nicht daily soap, eigene daily soap, meine Schwester. In ihren Augen sehe ich Alternativen vorbeirauschen: (1) Dem Kutscher Carrie-like 500 Euro zustecken und rufen, fahren Sie, fahren Sie schnell! - (2) ruhig weiterfahren und so tun, als hätte sie mich nicht erkannt - (3) anhalten und die lang verloren geglaubte Verwandte grüßen.
In meinem Kopf mengen sich auch die Alternativen: (1) umdrehen und weitergehen - (2) mauloffen stehen bleiben - (3) in die nächste Kutsche springen, dem Kutscher 500 Euro reichen (oder die 5, die ich dabei habe) und rufen: folgen Sie dieser Kutsche da!
Die Schwester entscheidet sich für Option 3, ich für 2. Sie verloren geglaubt: "Ich dachte, Du wohnst überhaupt gar nicht mehr in München und ich hätte Dich kaum erkannt!!!" Ich: mauloffen ungläubig. Nach kurzem, notdürftig höflichen Wortwechsel und dem Versprechen, sich zu melden, springt sie schnell ins Gefährt und rauscht davon. Mit ihr, ihr Gefolge. Das Fußvolk bleibt zurück und sammelt das zerbröselte Selbst aus den Linsen, die guten ins Töpfchen. Einen winzigen Moment lang will ich doch im nächsten Wagen folgen, sie vom Weg abdrängen, niederkämpfen, die Hände um den Hals und speichelspritzend brüllen, was sie denn so sehr an mir hasst.
Es ist aber wohl doch nur Gleichgültigkeit - und die tut fast noch mehr weh, als jeder Sturz in den Graben. Mit den wenigen Selbst-Bröseln in der Taschen gehe ich weiter und wische den Schmutz von der Nase.
Dienstag, 8. Dezember 2015
Die Dinge, die nicht so sind, wie sie scheinen
In der Kabine neben mir testet eine (gefühlt echte) Münchnerin einen Mantel während ich auf die freundliche Verkaufsangestellte warte. Sie trägt himmelergreifende Schuhe, wichtige Haare und ihr Gesicht lässt auf Investitionen gegen das Altern im fünfstelligen Bereich schließen. Nicht frei von Vorurteilen baut sich in meinem Kopf das Bild der Millionärsgattin auf, die nachmittags in der Innenstadt flaniert (mir fällt dann auf, dass ich ja auch flaniert bin). Ich hab ein bisschen Respekt vor ihr, mit ihrem (unterstellten) finanziellen Hintergrund und ihrem mondänen Aussehen, mit den himmelhohen Schuhen und der kohlenhydratfreien Disziplin.
Wartend beobachte ich sie beim Posieren vor dem Spiegel und sehe für den Bruchteil einer Sekunde, wie besorgt sie aussieht. Die Besorgnis kann ich nicht teilen: Sie sieht schön aus, der Mantel auch und beide zusammen bilden ein tolles Team. Und doch weiterhin: kritische Augen, strenger Mund. Ich würde ihr gern was Nettes sagen, gegen die Narben vom Gesichtverändern, gegen die Sorgen und gegen die Angst, alt auszusehen. Sie würde mich sicher von oben ansehen und auslachen.
"Ich habe selten eine Frau gesehen, die diese Farbe so gut tragen kann wie Sie" traue ich mich todesmutig und in ihrem Gesicht fliegt alles Sorgenvolle weg, sie lacht und legt mir die Hände auf die Arme. "Ach danke, ich war mir unsicher". Ich bekräftige ihre Auswahl. Sie zeigt mir weitere Teile und ich rate ihr zu und ab, sage ihr, wie schön sie aussieht. Auf dem Weg aus dem Laden wippe ich ein bisschen zu unhörbarer Musik und hole mir dann eine Nussschnecke.
Wartend beobachte ich sie beim Posieren vor dem Spiegel und sehe für den Bruchteil einer Sekunde, wie besorgt sie aussieht. Die Besorgnis kann ich nicht teilen: Sie sieht schön aus, der Mantel auch und beide zusammen bilden ein tolles Team. Und doch weiterhin: kritische Augen, strenger Mund. Ich würde ihr gern was Nettes sagen, gegen die Narben vom Gesichtverändern, gegen die Sorgen und gegen die Angst, alt auszusehen. Sie würde mich sicher von oben ansehen und auslachen.
"Ich habe selten eine Frau gesehen, die diese Farbe so gut tragen kann wie Sie" traue ich mich todesmutig und in ihrem Gesicht fliegt alles Sorgenvolle weg, sie lacht und legt mir die Hände auf die Arme. "Ach danke, ich war mir unsicher". Ich bekräftige ihre Auswahl. Sie zeigt mir weitere Teile und ich rate ihr zu und ab, sage ihr, wie schön sie aussieht. Auf dem Weg aus dem Laden wippe ich ein bisschen zu unhörbarer Musik und hole mir dann eine Nussschnecke.
Dienstag, 10. November 2015
"Sie sehen aus wie Hartz vier"
Ich flitze zur U-Bahn, suche einen Platz und schreibe dem Kollegen schnell, dass ich das Gutachten morgen schicke (ich hätte auch auf pinterest surfen können oder bei tinder oder ein Spiel spielen können, das tut hier nichts zur Sache).
"Schon des Hendi. Glei immer des Hendi. Koan Brruf, koa Ausbildung abers Hendi am Ohrwaschl". Mir gegenüber sitzt jemand und sucht meine Aufmerksamkeit. Ich starre auf die längst abgesendete Nachricht und fingiere Aktivität. "Konn ned lesn un ned schreibm abers Hendi immers Hendi, kein Brruf. Hobm Sie n Brrruf???" fragt er nun lauter. Ich lese Mails. Keine neuen. Ich versuche mir abzugewöhnen, meinen Titel zu nennen oder mir darauf etwas einzubilden, wünsche mir aber sehnlichst, dass jemand anruft und ich mich mit Doktor melden kann. "Turnschuh, Sie schaun aus wie Hartz Vier" erregt er sich. "Turnschuh un Schweißfieß, Sie schaun aus wie Hartz Vier. Sie hobm kein Berrruf, Sie sind Hartz Vier!!!"
Interpretation 1: Der mich Ansprechende könnte denken, ich sei Peter Hartz, "Vater" der Hartzreformen. Möglich. Gendermäßig passt das nicht ganz, alterstechnisch auch nicht. Davon ab lässt das Erkennen meiner Kleidung darauf schließen, dass er nicht kurzsichtig ist und somit eine Verwechslung unwahrscheinlich.
Interpretation 2: Er verbindet Turnschuhe (vermeintliche Schweißfüße) und ein Mobiltelefon mit dem Bezug von Leistungen der Grundsicherung für Arbeitssuchende. Möglich. Das hieße nach wie vor nicht, dass ich keinen Beruf habe und auch nicht, dass ich nicht lesen und schreiben kann.
Interpretation 3: Der Ansprechende wertet mit seinen Worten diejenigen ab, die mehr als zwölf Monate arbeitssuchend sind und schreibt ihnen zu, dass sie ungebildet sind. Und zudem, dass ich auch ungebildet bin und nicht lesen und nicht schreiben kann.
Ich könnte nun also brüllen: Ich bin promoviert Du alter ekliger Sack! Oder ich könnte zum Telefon greifen, irgendwo anrufen und ein berufliches Gespräch fingieren. HAHA, Überraschungseffekt, so ist das nämlich gar nicht, wie Du denkst, Du Blödi.
Macht aber nix besser. A) stelle ich mich mit ihm auf eine Stufe der Abwertung von Personen, die "Hartz Vier" beziehen. B) Gehe ich damit davon aus, dass es erlaubt ist, Menschen, die nicht lesen oder schreiben können, die vielleicht keinen Berufsabschluss haben, dumm anzumachen.
Eine weitere Frau steigt ein. Er brüllt "Un glei s Hendi, raus, hä?" SIe erschrickt, lacht höflich und sagt, dass sie selbstverständlich ein Buch liest. Ich steige aus.
"Schon des Hendi. Glei immer des Hendi. Koan Brruf, koa Ausbildung abers Hendi am Ohrwaschl". Mir gegenüber sitzt jemand und sucht meine Aufmerksamkeit. Ich starre auf die längst abgesendete Nachricht und fingiere Aktivität. "Konn ned lesn un ned schreibm abers Hendi immers Hendi, kein Brruf. Hobm Sie n Brrruf???" fragt er nun lauter. Ich lese Mails. Keine neuen. Ich versuche mir abzugewöhnen, meinen Titel zu nennen oder mir darauf etwas einzubilden, wünsche mir aber sehnlichst, dass jemand anruft und ich mich mit Doktor melden kann. "Turnschuh, Sie schaun aus wie Hartz Vier" erregt er sich. "Turnschuh un Schweißfieß, Sie schaun aus wie Hartz Vier. Sie hobm kein Berrruf, Sie sind Hartz Vier!!!"
Interpretation 1: Der mich Ansprechende könnte denken, ich sei Peter Hartz, "Vater" der Hartzreformen. Möglich. Gendermäßig passt das nicht ganz, alterstechnisch auch nicht. Davon ab lässt das Erkennen meiner Kleidung darauf schließen, dass er nicht kurzsichtig ist und somit eine Verwechslung unwahrscheinlich.
Interpretation 2: Er verbindet Turnschuhe (vermeintliche Schweißfüße) und ein Mobiltelefon mit dem Bezug von Leistungen der Grundsicherung für Arbeitssuchende. Möglich. Das hieße nach wie vor nicht, dass ich keinen Beruf habe und auch nicht, dass ich nicht lesen und schreiben kann.
Interpretation 3: Der Ansprechende wertet mit seinen Worten diejenigen ab, die mehr als zwölf Monate arbeitssuchend sind und schreibt ihnen zu, dass sie ungebildet sind. Und zudem, dass ich auch ungebildet bin und nicht lesen und nicht schreiben kann.
Ich könnte nun also brüllen: Ich bin promoviert Du alter ekliger Sack! Oder ich könnte zum Telefon greifen, irgendwo anrufen und ein berufliches Gespräch fingieren. HAHA, Überraschungseffekt, so ist das nämlich gar nicht, wie Du denkst, Du Blödi.
Macht aber nix besser. A) stelle ich mich mit ihm auf eine Stufe der Abwertung von Personen, die "Hartz Vier" beziehen. B) Gehe ich damit davon aus, dass es erlaubt ist, Menschen, die nicht lesen oder schreiben können, die vielleicht keinen Berufsabschluss haben, dumm anzumachen.
Eine weitere Frau steigt ein. Er brüllt "Un glei s Hendi, raus, hä?" SIe erschrickt, lacht höflich und sagt, dass sie selbstverständlich ein Buch liest. Ich steige aus.
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