Wir reden über Hamburg. Sie redet, weil ich entweder Ultraschall, Sandstrahler oder Sauger im Mund habe. Meine professionelle Zahnreinigerin ist sehr professionell, redet aber auch gern, vor allem, um mich abzulenken. Das gelingt ihr, als sie einen Satz beginnt, der zurzeit ziemlich populär ist: "Also ich bin ja keine Rassistin oder so..." Es kommt, was kommen muss. Ich versuche, "doch" zu sagen, aber es kommt nur ein "gnä". Sie fährt fort: "...aber in der U-Bahn in Hamburg, da sieht man ja keine Deutschen mehr. Da bin ich die einzige. Da fühl ich mich nicht wohl. Da sieht man keinen Stefan und Andreas mehr" sagt sie und kratzt am Zahn "nur noch Ali und Muhammed. Und in Berlin ist das genauso" knirscht sie an meinem Zahnhals entlang. Ich antworte: "ngnää!"
Eine kurze Gerätepause nutzend platze ich heraus: "Also ich bin ja aus Berlin und ich bin Ausländerin. Ich schätze das sehr." Sie greift zum Sauger. Ich denke, dass das jetzt komisch ankommt, dass ich das sehr schätze. Was denn? Dass ich "Ausländerin" bin? Dass es in der U-Bahn so viele "Ausländer" gibt und keine Stefans und Andreasse? Meine Schlagfertigkeit hat offenbar ihren Höhepunkt erreicht, wenn mich jemand mit dem Ultraschall bedroht. Ich überlege, wie ich das klären kann und....Zack! habe ich den Sauger im Mund und bin wieder mundtot.
Ich kralle die Nägel in die Handfläche und schlucke Schaum. Sie gibt nicht auf: "Hier in München, da hat man eine gute Mischung, von allem etwas! So muss das sein." "Hnnnngn" gebe ich auf. Ich schäme mich, dass ich die "Migrationskarte" gespielt habe und ich bin sauer, dass ich nicht einfach aufgestanden und gegangen bin.
Ich spüle mir brav den Mund sauber, lasse mich tupfen und mit Fluorid bepinseln und mir zeigen, wie ich das alles richtig mache mit der Prophylaxe. Wie ich blöden Rassismussprüchen vorbeugen kann hab ich leider nicht gelernt.
Montag, 13. Juli 2015
Mittwoch, 3. Juni 2015
Die Kinder der Deutschen
Eine neue Zahl steht in der Zeitung: Deutschland bildet mit seiner Geburtenzahl pro 1000 Einwohner das Schlusslicht. Das Schlusslicht der Welt. Die Deutschen bekommen nämlich nur 8,28 Kinder und sogar die Japaner kriegen mehr, nämlich 8,36. Man stellt sich automatisch 8 Kinder vor und dann nochmal 0,28. Also ungefähr ein Viertel Kind. Ein Viertel Kind würde anatomisch heißen, dass man vielleicht nur einen Arm gebähren muss. Gruselig. In Zeiteinheiten hätte man dann nur an 1,75 Tagen pro Woche ein Kind. Würde prima zu einer 30-Stunden-Stelle passen. Auch gruselig.
Die Presse griff das Thema dankbar auf, passt es doch so schön in gerade florierende Debatten über homosexuelle Paare, die nämlich keine Kinder kriegen KÖNNEN - deshalb auch nicht heiraten dürfen SOLLEN. Und auch sonst, Frauenquote, Paygap, Vereinbarkeit - alles, wirklich alles lässt sich mit der Geburtenrate verbinden, erklären, moralisch festtackern. Es wird also gefragt: warum kriegen die Deutschen so wenig Kinder? Ja. Die Deutschen (genaugenommen die Frauen, und noch genauer sind die ja nicht alle deutsch, weil da ja noch viel mehr Menschen leben und noch viel genauer ja nur die gebährfähigen). Warum nochmal? Achja, weil sie Hedonisten sind. Hedonistinnen, deutsche Hedonistinnen, deutsche gebährfähige Hedonistinnen, die sich lieber in der Agentur selbst verwirklichen und Latte trinken und abends auch noch Gin Tonic. Oder Schlimmeres.
Ich schweife ab und will einen Drink. Ach nein. Aber jedenfalls lieber einen Kaffee. Und denke dabei an die, die alle nicht in Agenturen arbeiten sondern im Supermarkt oder an der Flughafensicherheit.
Warum kriegen die Deutschen so wenig Kinder?* Hinter dieser Frage lauert der kollektive generationale Suizid, die Deutschen, ach, sie wollen einfach nicht mehr. Sie wollen nicht mehr adressiert werden und das Kinderkriegen fast schon als Pflicht des gesellschaftlichen Erhalts sehen. Ist das wirklich hedonistisch? Man könnte es auch als ganz sinnvolle Abwehrhaltung verstehen, die die Entscheidung für eine Familie zu einem höchst privaten Entschluss werden lässt, bei dem frau und man (oder man und man oder wer auch immer) sich hoffentlich als allerallerletztes oder besser nie überlegen, dass sie Deutsche sind.
Vor diesem Hintergrund, der Kinderzahlen als Wirtschaftsfaktor ansieht, mit dem man sich im internationalen Vergleich brüsten kann oder als Schlusslicht gilt, würde ich mir fast wünschen, dass noch weniger Kinder geboren werden, ach was, verzichten wir doch auf die 0,28, wer will schon nur ein Viertel Kind? ... Aber nein: Kinder sollen doch geboren werden oder eben auch nicht, wenn es nicht passt, nicht geht oder nicht gewollt ist. Mehr Gelassenheit würde ich mir wünschen und mehr Kümmern um die Kinder, die jetzt da sind.
*Rahmenbedingungen, Kinderbetreuung, Gleichberechtigung und dass das alles kompliziert ist sei an dieser Stelle geschenkt, das wissen wir ja und das mag ich jetzt nicht wiedergeben.
Die Presse griff das Thema dankbar auf, passt es doch so schön in gerade florierende Debatten über homosexuelle Paare, die nämlich keine Kinder kriegen KÖNNEN - deshalb auch nicht heiraten dürfen SOLLEN. Und auch sonst, Frauenquote, Paygap, Vereinbarkeit - alles, wirklich alles lässt sich mit der Geburtenrate verbinden, erklären, moralisch festtackern. Es wird also gefragt: warum kriegen die Deutschen so wenig Kinder? Ja. Die Deutschen (genaugenommen die Frauen, und noch genauer sind die ja nicht alle deutsch, weil da ja noch viel mehr Menschen leben und noch viel genauer ja nur die gebährfähigen). Warum nochmal? Achja, weil sie Hedonisten sind. Hedonistinnen, deutsche Hedonistinnen, deutsche gebährfähige Hedonistinnen, die sich lieber in der Agentur selbst verwirklichen und Latte trinken und abends auch noch Gin Tonic. Oder Schlimmeres.
Ich schweife ab und will einen Drink. Ach nein. Aber jedenfalls lieber einen Kaffee. Und denke dabei an die, die alle nicht in Agenturen arbeiten sondern im Supermarkt oder an der Flughafensicherheit.
Warum kriegen die Deutschen so wenig Kinder?* Hinter dieser Frage lauert der kollektive generationale Suizid, die Deutschen, ach, sie wollen einfach nicht mehr. Sie wollen nicht mehr adressiert werden und das Kinderkriegen fast schon als Pflicht des gesellschaftlichen Erhalts sehen. Ist das wirklich hedonistisch? Man könnte es auch als ganz sinnvolle Abwehrhaltung verstehen, die die Entscheidung für eine Familie zu einem höchst privaten Entschluss werden lässt, bei dem frau und man (oder man und man oder wer auch immer) sich hoffentlich als allerallerletztes oder besser nie überlegen, dass sie Deutsche sind.
Vor diesem Hintergrund, der Kinderzahlen als Wirtschaftsfaktor ansieht, mit dem man sich im internationalen Vergleich brüsten kann oder als Schlusslicht gilt, würde ich mir fast wünschen, dass noch weniger Kinder geboren werden, ach was, verzichten wir doch auf die 0,28, wer will schon nur ein Viertel Kind? ... Aber nein: Kinder sollen doch geboren werden oder eben auch nicht, wenn es nicht passt, nicht geht oder nicht gewollt ist. Mehr Gelassenheit würde ich mir wünschen und mehr Kümmern um die Kinder, die jetzt da sind.
*Rahmenbedingungen, Kinderbetreuung, Gleichberechtigung und dass das alles kompliziert ist sei an dieser Stelle geschenkt, das wissen wir ja und das mag ich jetzt nicht wiedergeben.
Mittwoch, 20. Mai 2015
Einfach mal so
Zwei Männer schreien. Ich denke, dass das nicht ungewöhnlich ist und als noch eine Frau schreit, bin ich auch nicht beunruhigt. Als das Schreien der Frau in ein Quietschen und Wimmern übergeht, das einerseits wie ein Welpen klingt, andererseits aber ziemlich verzweifelt, halte ich inne. Ich kenne das Gefühl, glaube ich, und überlege, mich umzudrehen. Ich will eigentlich nach Hause. Als gleichzeitig zwei Menschen über die Straße rennen und die zwei Männer und die Frau anschreien, drehe ich mich um und renne zurück. Das Wimmern wird lauter und schriller, das Schreien auch und die Balkontür klappt zu. Man hört nichts mehr.
Ein Mann steht noch auf dem Balkon, zündet sich eine Zigarette an und ruft: er ist da drin, rufen Sie die Polizei. Ich rufe, "soll ich die Polizei rufen?" Alle um mich rum brüllen mich an "rufen Sie die Polizei!".
Als das Auto eintrifft, ist es ruhig. Ich weiß nicht, was passiert, werde nach Hause geschickt. Ich schließe meine Wohnung auf und fange an zu Weinen. Die Katze hat sich auf ihr Futter gefreut. Die Katze guckt erschrocken. Sie hat trotzdem Hunger. Ich füttere die Katze, putze meine ganze Wohnung und bin froh um den Frieden.
Gewalt in Familien sieht man meistens nicht. Man hört sie nicht, weil Weinen sich auch anhören kann wie Lachen, weil man bei den meisten Schreien denkt, ach die kabbeln sich einfach mal so. Ich werde zukünftig genauer hinhören.
Montag, 6. April 2015
Der kleine und der große Unterschied
Ein Münchner Herrenausstatter hat die Stadt mit nackten Männern plakatiert, untermalt mit der Frage: "Wer kann Mann?". Ergebnis der Kampagne ist, dass der besagte Ausstatter "Mann kann". die dritte Runde der Plakataktion zeigt die zuvor nackten Männer halb angezogen, halb nackt.
Wenn die ganze Stadt mit nackten Frauen plakatiert gewesen wäre, hätte ich sofort gesagt, dass die Kampagne sexistisch ist. Kann Mann Sexismus ausgesetzt sein? Ist diese Kampagne sexistisch? Ich denke: ja und nein. Die Männer auf den Bildern wurden ausnahmslos zwar nackt, aber dabei nicht vergleichbar mit Frauen in einer Unterwäschekampagne dargestellt. Wir erinnern uns: Frauen liegen hingestreckt, mit leicht geöffnetem Mund auf zerwühlten Laken. Die Männer in der "Kann-Mann"-Kampagne wurden stark, muskulös und keinesfalls hingestreckt dargestellt. Ein Mann hat eine Startposition wie bei einem Rennen.
Und trotzdem werden sie auf den Plakaten reduziert: alle Männer in der Kampagne entsprechen, nackt oder angezogen, dem Bild, das von Männern erwartet wird. Sie haben Muckis, sie lassen sich keine Butter vom Brot nehmen, angezogen oder nackt. Es wird also für die Männer genau wie für die Frauen angenommen, dass sie genau einem Bild entsprechen können: Frauen - nackt - hingegeben - Laken - offenmundig. Männer - nackt - stark - Rennen - Starten.
Will ich jetzt verbieten, dass Werbung Haut zeigt? Erstmal: nein. Aber ich will Vielfalt sehen: Frauen, die, wenn sie schon in Unterwäsche gezeigt werden, mal was anderes machen, als mit offenem Mund rumzuliegen. Und Männer, die auch ohne Muckis in der Renn-Start-Position sitzen. Das ist vermutlich ein weiter Weg. Aber er kann ja irgendwann man anfangen...
Wenn die ganze Stadt mit nackten Frauen plakatiert gewesen wäre, hätte ich sofort gesagt, dass die Kampagne sexistisch ist. Kann Mann Sexismus ausgesetzt sein? Ist diese Kampagne sexistisch? Ich denke: ja und nein. Die Männer auf den Bildern wurden ausnahmslos zwar nackt, aber dabei nicht vergleichbar mit Frauen in einer Unterwäschekampagne dargestellt. Wir erinnern uns: Frauen liegen hingestreckt, mit leicht geöffnetem Mund auf zerwühlten Laken. Die Männer in der "Kann-Mann"-Kampagne wurden stark, muskulös und keinesfalls hingestreckt dargestellt. Ein Mann hat eine Startposition wie bei einem Rennen.
Und trotzdem werden sie auf den Plakaten reduziert: alle Männer in der Kampagne entsprechen, nackt oder angezogen, dem Bild, das von Männern erwartet wird. Sie haben Muckis, sie lassen sich keine Butter vom Brot nehmen, angezogen oder nackt. Es wird also für die Männer genau wie für die Frauen angenommen, dass sie genau einem Bild entsprechen können: Frauen - nackt - hingegeben - Laken - offenmundig. Männer - nackt - stark - Rennen - Starten.
Will ich jetzt verbieten, dass Werbung Haut zeigt? Erstmal: nein. Aber ich will Vielfalt sehen: Frauen, die, wenn sie schon in Unterwäsche gezeigt werden, mal was anderes machen, als mit offenem Mund rumzuliegen. Und Männer, die auch ohne Muckis in der Renn-Start-Position sitzen. Das ist vermutlich ein weiter Weg. Aber er kann ja irgendwann man anfangen...
Freitag, 3. April 2015
Das optimale Selbst
Höchst erfoglreiche Personen haben Morgenroutinen. Das vertreten Blogs, die sich der Erhöhung von Produktivität und der Selbstoptimierung verschrieben haben. Diese Rolemodels der Selbstoptimierung stehen (standen) zwischen 5 und 6 auf, machen 45 Minuten Sport, lesen dann ihre Mails, gehen duschen, treffen Entscheidungen und sind um 8 Uhr bei ihrem höchst erfolgreichen Job, wo sie entsprechend wach ihre optimale Produktivität ausagieren. Die Morning Rituals kann jeder erreichen, sagt z. B. Jeff Sanders, der den Podcast "the five a.m. miracle" betreibt. Mit dem markigen Satz "dominate your day before breakfast", blendendem Lächeln und dem Rat, vor dem Frühstück einen Liter Wasser zu trinken (dann übrigens - so Sanders - seinen Weg zur Arbeit entlang der öffentlich zugänglichen Toiletten zu planen - kein Witz) weiß Sanders, dass jeder erfolgreich werden kann. Jeder. Wenn er um 5 Uhr aufsteht.
Die höchst erfolgreiche Sicherheitsangestellte am Flughafen Franz-Josef-Strauß sitzt um 5 Uhr bereits in der S 8 und passiert gerade Hallbergmoos. Die höchst erfolgreiche Krankenschwester kommt um 5 von der Nachtschicht nach Hause und fällt todmüde aufs Sofa. Die höchst erfolgreichen Eltern eines 3 Monate alten Babys stehen um fünf auf. Sie dominieren ihren Tag vor dem Frühstück. Oder lassen ihn dominieren, von den ziemlich basalen Bedürfnissen des Säuglings.
Der Wunsch nach Produktivität und Erfolg ist nachvollziehbar und er treibt mich auch um. Sonst hätte ich nicht eine Folge des 5-Uhr-Wunders gehört (naja, eine halbe). Für mich haben diese Morgenrituale aber einen basalen Makel: Dass Steve Jobs um 5 Uhr vor dem Spiegel stand und sich die Frage stellte, was wäre, wenn das der letzte Tag seines Lebens wäre [und so weiter], dass andere um 5 auf dem Laufband stehen oder literweise Wasser trinken funktioniert nur ab einer halbwegs privilegierten Situation. Dann, wenn eigentlich alles stimmt - Einkommen, private Situation und deren Entlastung, Zeitbudgets und Gesundheit. Das, was den (im wirtschaftlichen Sinne) erfolgreichen Menschen zum supererfolgreichen macht, kann vielleicht dadurch erreicht werden, dass er um fünf Uhr aufsteht. Für die Flughafenangestellte stimmt das nicht. Sie steht ohnehin um vier Uhr auf. Weil sie muss.
Und nicht zuletzt lässt mich der Gedanke schaudern, dass jeder Spaß und Genuss der Aufforderung untergeordnet wird, um 5:15 auf dem Laufband zu stehen. Wenn nicht einmal der Morgen mehr der freien Entfaltung dienen kann, dann würde ich die klassische Steve-Jobs-Frage vielleicht irgendwann auch mit "Nein" beantworten.
Die höchst erfolgreiche Sicherheitsangestellte am Flughafen Franz-Josef-Strauß sitzt um 5 Uhr bereits in der S 8 und passiert gerade Hallbergmoos. Die höchst erfolgreiche Krankenschwester kommt um 5 von der Nachtschicht nach Hause und fällt todmüde aufs Sofa. Die höchst erfolgreichen Eltern eines 3 Monate alten Babys stehen um fünf auf. Sie dominieren ihren Tag vor dem Frühstück. Oder lassen ihn dominieren, von den ziemlich basalen Bedürfnissen des Säuglings.
Der Wunsch nach Produktivität und Erfolg ist nachvollziehbar und er treibt mich auch um. Sonst hätte ich nicht eine Folge des 5-Uhr-Wunders gehört (naja, eine halbe). Für mich haben diese Morgenrituale aber einen basalen Makel: Dass Steve Jobs um 5 Uhr vor dem Spiegel stand und sich die Frage stellte, was wäre, wenn das der letzte Tag seines Lebens wäre [und so weiter], dass andere um 5 auf dem Laufband stehen oder literweise Wasser trinken funktioniert nur ab einer halbwegs privilegierten Situation. Dann, wenn eigentlich alles stimmt - Einkommen, private Situation und deren Entlastung, Zeitbudgets und Gesundheit. Das, was den (im wirtschaftlichen Sinne) erfolgreichen Menschen zum supererfolgreichen macht, kann vielleicht dadurch erreicht werden, dass er um fünf Uhr aufsteht. Für die Flughafenangestellte stimmt das nicht. Sie steht ohnehin um vier Uhr auf. Weil sie muss.
Und nicht zuletzt lässt mich der Gedanke schaudern, dass jeder Spaß und Genuss der Aufforderung untergeordnet wird, um 5:15 auf dem Laufband zu stehen. Wenn nicht einmal der Morgen mehr der freien Entfaltung dienen kann, dann würde ich die klassische Steve-Jobs-Frage vielleicht irgendwann auch mit "Nein" beantworten.
Mittwoch, 25. März 2015
Widersprüche
In einem Interview mit der Zeit sagt Prof. Dr. Christiane Nüsslein-Volhard, Nobelpreisträgern und Gründerin einer Stiftung zur Unterstützung junger Wissenschaftlerinnen mit Kindern, dass Frauen erstens vermutlich zu wenig ehrgeizig seien, um eine Wissenschaftlerinnen-Karriere zu verfolgen. Zweitens sollten sie nicht so zimperlich sein, sich durchsetzen und weniger vor dem Spiegel herumstehen. Ich habe ziemlich lange (also etwa 6 Tage) über dieses Interview nachgedacht und schwankte zwischen Wut und Zustimmung.
Die Wut ist verraucht. Und angesichts des biografischen Hintergrunds von Fr. Prof. Dr. Nüsslein-Volhard erscheint mir nachvollziehbar, dass sie ihre Wissenschaftlerinnenkarriere unter diesen Prämissen durchgezogen hat. Dass man nicht erwarten könne, neben der Wissenschaft auch noch eine "hundertprozentig gute Mutter und supergepflegte Ehefrau" zu sein, würde ich teilen. Was mir aber fehlt, ist das grundsätzliche Mitdenken, dass die meisten Wissenschaftskarrieren in Umfeldern stattfinden, die tradiert männliche Erwerbsbiografien voraussetzen - verheiratet mit nicht arbeitender Ehefrau und freiem Rücken.Und dass es auch ohne Wissenschaft nicht sein muss mit den hundert Prozent und supergepflegt.
Was mir auch fehlt, ist die Reflektion, dass Frauen eben doch nach ihrem Aussehen beurteilt werden. Eine Frauenzeitschrift schreibt kurz vor dem Equal-Pay-Day Tipps für seriöses Büro-Make-Up. Das Foto von Nüsslein-Volhard auf der Homepage der Max-Planck-Gesellschaft zeigt sie mit Lippenstift und "supergepflegt". Ich bezweifle auch grundsätzlich, dass die An- oder Abwesenheit von Wimperntusche und die Auftragezeit vor dem Spiegel (probiert das mal ohne Spiegel!!!) über den Erfolg in der Wissenschaft entscheidet. Es entscheiden zurzeit überwiegend Qualität, Kontakte, Ergebnisse, Relevanz und ein paar andere Dinge. Die werden aber noch immer vielfach von Personen entschieden, bei denen es mit Gleichstellung nicht so weit her ist. Die von einer Frau was anderes erwarten als von einem Mann. Zum Beispiel, dass erstere Lippenstift trägt und letzterer nicht. Und ein paar andere Dinge. Echte Gleichberechtigung in der Wissenschaft und in anderen zeit- und energiekonsumierenden Karrieren wäre doch dann erreicht, wenn es okay ist, dass man private Verpflichtungen hat und wenn es okay ist, mit oder ohne Schminke zu kommen - als Mann oder als Frau. Ich jedenfalls bin nur dann zimperlich, wenn es um Spinnen geht.
Die Wut ist verraucht. Und angesichts des biografischen Hintergrunds von Fr. Prof. Dr. Nüsslein-Volhard erscheint mir nachvollziehbar, dass sie ihre Wissenschaftlerinnenkarriere unter diesen Prämissen durchgezogen hat. Dass man nicht erwarten könne, neben der Wissenschaft auch noch eine "hundertprozentig gute Mutter und supergepflegte Ehefrau" zu sein, würde ich teilen. Was mir aber fehlt, ist das grundsätzliche Mitdenken, dass die meisten Wissenschaftskarrieren in Umfeldern stattfinden, die tradiert männliche Erwerbsbiografien voraussetzen - verheiratet mit nicht arbeitender Ehefrau und freiem Rücken.Und dass es auch ohne Wissenschaft nicht sein muss mit den hundert Prozent und supergepflegt.
Was mir auch fehlt, ist die Reflektion, dass Frauen eben doch nach ihrem Aussehen beurteilt werden. Eine Frauenzeitschrift schreibt kurz vor dem Equal-Pay-Day Tipps für seriöses Büro-Make-Up. Das Foto von Nüsslein-Volhard auf der Homepage der Max-Planck-Gesellschaft zeigt sie mit Lippenstift und "supergepflegt". Ich bezweifle auch grundsätzlich, dass die An- oder Abwesenheit von Wimperntusche und die Auftragezeit vor dem Spiegel (probiert das mal ohne Spiegel!!!) über den Erfolg in der Wissenschaft entscheidet. Es entscheiden zurzeit überwiegend Qualität, Kontakte, Ergebnisse, Relevanz und ein paar andere Dinge. Die werden aber noch immer vielfach von Personen entschieden, bei denen es mit Gleichstellung nicht so weit her ist. Die von einer Frau was anderes erwarten als von einem Mann. Zum Beispiel, dass erstere Lippenstift trägt und letzterer nicht. Und ein paar andere Dinge. Echte Gleichberechtigung in der Wissenschaft und in anderen zeit- und energiekonsumierenden Karrieren wäre doch dann erreicht, wenn es okay ist, dass man private Verpflichtungen hat und wenn es okay ist, mit oder ohne Schminke zu kommen - als Mann oder als Frau. Ich jedenfalls bin nur dann zimperlich, wenn es um Spinnen geht.
Samstag, 28. Februar 2015
Auch das geht vorüber
Der Winter ist trüb und schlägt mir langsam aufs Gemüt. Mir ist kalt, mir fehlt Sonne. Freund D erzählt von Tageslichtlampe und Vitamin D in Tablettenform. Ich will fröhlicher sein und gehe ich einen Drogerieladen, um wenigstens Tabletten zu kaufen. Vor dem Regal mit Nahrungsergänzung finde ich Lösungen für alles: Haare, Haut, Nägel, Haare-Haut-Nägel, Knochen, Frauen, Männer, Schwangerschaft, Schlafen und Wachen. Es gibt Vitamine für jede Lebenslage, sogar Schlaumachvitamine für Kinder (kein Witz - ich dachte immer, da hilft Bildung, aber wer weiß das schon). Vitamin D gibt es in verschiedenen Darreichungsformen und ich frage deshalb die im Vitaminregal tätige Mitarbeiterin. "Sagen Sie, dieses Vitamin, das bei Lichtmangel hilft - D - welches nimmt man denn da?" frage ich. Die Mitarbeiterin räumt Schachteln und zeigt auf die verschiedenen Packungen und reicht mir dann die mit der höchsten Dosierung. "Kann man das denn überdosieren?" will ich wissen.
"Können Sie schon. Aber eigentlich brauchen Sie sowieso keine Extravitamine" antwortet die Verkäuferin. Ich bin irritiert. Mit großer Energie räumt sie weitere Röhrchen herum und sagt: "wenn Ihnen die Sonne fehlt, sind Sie halt ein bisschen depressiv - na und? Dann sind Sie eben schlecht gelaunt. Das geht vorüber, wenn der Winter vorbei ist."
Sie schweigt und guckt fast wie ein Guru. Ich bin geneigt ihr noch ein paar Fragen über das Leben zu stellen,
bedanke mich aber nur höflich. Auf dem Weg zur U-Bahn mit leeren Taschen bin ich dankbar, dass die Verkäuferin ehrlich war. Der Himmel reißt auf, ich gehe die Treppe runter und halte dabei die Nase kurz in die Sonne. Bald ist Frühling. Darauf freue ich mich.
"Können Sie schon. Aber eigentlich brauchen Sie sowieso keine Extravitamine" antwortet die Verkäuferin. Ich bin irritiert. Mit großer Energie räumt sie weitere Röhrchen herum und sagt: "wenn Ihnen die Sonne fehlt, sind Sie halt ein bisschen depressiv - na und? Dann sind Sie eben schlecht gelaunt. Das geht vorüber, wenn der Winter vorbei ist."
Sie schweigt und guckt fast wie ein Guru. Ich bin geneigt ihr noch ein paar Fragen über das Leben zu stellen,
bedanke mich aber nur höflich. Auf dem Weg zur U-Bahn mit leeren Taschen bin ich dankbar, dass die Verkäuferin ehrlich war. Der Himmel reißt auf, ich gehe die Treppe runter und halte dabei die Nase kurz in die Sonne. Bald ist Frühling. Darauf freue ich mich.
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